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Ice Age in Karlsruhe

Wer ist kein Fan der Trickfilm-Reihe "Ice Age" und verfolgte schon das eine oder andere Abenteuer rund um das verschrobene Mammut Manny, das ungehobelte Faultier Sid und den ebenso heimtückischen wie verschlagenen Säbelzahntiger Diego? Und welcher Zuschauer in oder um Karlsruhe stellte sich hier nicht das eine oder andere Mal die Frage, wie es wohl war, damals, als die Eiszeit die Welt fest im Griff hatte, Arten ums Überleben kämpften, sich in andere Regionen flüchteten oder ausstarben? Mit dieser Frage machen wir aber schon einmal den ersten fatalen Fehler, nämlich den, von der Eiszeit in Vergangenheitsform zu sprechen. Denn tatsächlich sind wir noch mitten drin. Im so genannten "Eiszeitalter" wohlgemerkt, wie Dr. Ute Gebhardt, die Leiterin Geologie des Naturkundemuseums Karlsruhe fachkundig korrigiert bei der heutigen Pressekonferenz zur neuen Landesausstellung "Flusspferde am Oberrhein", die am 21. Juni 2018 beginnt.

 

Flusspferde im Rhein? Aber ja – vor mehr als 115.000 Jahren, wie zahlreiche Knochen- und Zahnfunde belegen. Dass es in einem Eiszeitalter nicht immer kalt ist, zeigt das Naturkundemuseum Karlsruhe in der Großen Landesausstellung 2018 „Flusspferde am Oberrhein – wie war die Eiszeit wirklich?“ vom 21.Juni 2018 bis 27. Januar 2019.

 

In dieser Ausstellung führt das Naturkundemuseum auf eine Zeitreise in die wechselvolle Vergangenheit des Klimas am Oberrhein und eröffnet mit eindrucksvollen Objekten einen neuen Blick auf die damalige Tier- und Pflanzenwelt. Auf einerGesamtfläche von fast 700 Quadratmetern veranschaulichen geologische Belege, Tier- und Pflanzenpräparate, Originalfossilien und eigens angefertigte Modelle, wie es in der Zeit von vor etwa 126.000 bis vor 11.700 Jahren in dieser Region aussah. Darüber hinaus erklärt die Ausstellung, wie Eiszeiten entstehen und geht auf die Besonderheiten des Oberrheingebiets ein. Bio- und geowissenschaftliche Aspekte ergänzen sich so zu einer umfassenden Schau zum Thema.

Pack' die Badehose ein, es ist Warmzeit!

Seit 2,6 Millionen Jahren leben wir in einem Eiszei talter, das heißt, beide Pole sind mit Eiskappen bedeckt. Dabei ist das Klima jedoch nicht durchgängig eisig kalt – Kalt- und Warmzeiten wechseln sich ab. Die letzte abgeschlossene Warmzeit, das Eem, begann vor etwa 126.000 Jahren und endete vor etwa 115.000 Jahren. In dieser Zeit waren die Jahresmitteltemperaturen mehrere Grad höher als heute. Die darauffolgende Kaltzeit, das Würm, dauerte von vor 115.000 Jahren bis vor 11.700 Jahren und war deutlich kälter als heute. Seit dem Ende des Würm leben wir in der sogenannten Holozän-Warmzeit mit relativ milden Wintern und gemäßigten Sommern. In der Kaltzeit zogen Mammuts, Wollhaarnashörner, Steppenbisons und Riesenhirsche durch die Steppenlandschaft am Oberrhein.

Während der letzten Warmzeit dagegen lebten hier mächtige Waldelefanten, Waldnashörner, Wasserbüffel – und eben auch Flusspferde!

 

Aber woher wissen wir, wie das Klima in der Vergangenheit war? Wie entstehen Eiszeitalter überhaupt? Welche Informationen gibt es über die Tier- und Pflanzenwelt? Mit interaktiven Stationen, anschaulichen Grafiken und außergewöhnlichen Exponaten wird diesen Fragen im ersten Bereich der Ausstellung nachgegangen. Es wird erklärt, wie es zu Eiszeitaltern kommt und was das Besondere des Oberrheingebiets während der letzten Kalt- und Warmzeit war. Dazu werden unterschiedliche Klimazeugen vorgestellt, die Auskunft über die Entwicklung des Klimas und dessen Einfluss auf die Ökologie des Oberrheingebiets geben: Spuren in der

Landschaft, im Boden und in Gesteinen, Bodenprofile und Pollendiagramme zur Bestimmung der

damaligen Pflanzenarten und andere Belege eiszeitlichen Lebens.

Meerjungfrauen in Daxlanden

Der zweite Ausstellungsbereich führt mit raumfüllenden Dioramen auf eine Reise in die Vergangenheit

unserer Region: In einer stimmungsvollen Inszenierung, die der Landschaft am Oberrhein zwischen

Vogesen und Schwarzwald nachempfunden ist, werden hier typische Pflanzen und Tiere aus Warm-

und Kaltzeit gezeigt. Originalfunde, Präparate und eigens angefertigte lebensgroße Modelle von Wollhaar- und Waldnashorn, Europäischem Wasserbüffel und Flusspferd vermitteln auf eindrucksvolle Weise ein Bild der damaligen Tierwelt. Herausragende Einzelobjekte wie die Schädel von Höhlenlöwe und Höhlenbär, Stoßzähne von Waldelefant und Wollhaarmammut oder das mächtige Geweih eines Riesenhirschs ergänzen die Dioramen. Darunter ist auch der „Daxlander Nashornschädel“, der im Jahr 1802 im heutigen Karlsruher Stadtteil Daxlanden bei Arbeiten am Rheinufer entdeckt und zunächst für den Schädel einer Meerjungfrau gehalten wurde. Er ist einer der besterhaltenen Schädel eines Waldnashorns weltweit.

 

Neben diesen ausgestorbenen Großtieren zeigt die Ausstellung eine Vielzahl von anderen Tieren undPflanzen, die wir teils auch heute noch kennen. Dabei werden die unterschiedlichen Lebensweisen und Überlebensstrategien unter extremen klimatischen Bedingungen thematisiert. Auch frühe Menschen haben ihre Spuren hinterlassen. Vermutlich vor ca. 200.000 Jahren tauchten die ersten Neandertaler in Europa auf, vor etwa 40.000

Jahren erreichte dann der anatomisch moderneMensch (Homo sapiens) unseren Kontinent. Steinwerkzeuge, Fossilien und Schädelabgüsse zeugen in der Ausstellung von ihrer Existenz.

 

Anlass für die Ausstellung war der Wunsch, die bedeutenden Sammlungsbestände des Naturkundemuseums Karlsruhe einmal wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken: Gesteine, Ablagerungen und Fossilien aus der Zeit Pleistozän, besonders aus den Schottern und Sanden des Oberrheins, bilden einen wichtigen besonderen Schwerpunkt der geologisch-paläontologischenSammlungen. Sie sind hervorragend erschlossen und werden regelmäßig von Wissenschaftlern ausaller Welt zu Forschungszwecken aufgesucht. Diesem Sammlungsbereich eine Große Landesausstellung zu widmen, lag aus zwei Gründen nahe: Die Landschaft am Oberrhein heute ist ein

unmittelbares Produkt des Pleistozän, und die damalige Lebewelt ist uns gleichermaßen fremd und

vertraut.

 

Ergänzend zu den Exponaten bieten einzelne „Wissensinseln“ zusätzliche Informationen. Hör- und Riechstationen lassen die Ausstellung mit allen Sinnen erleben und Tastbildschirme laden dazu ein, selbst aktiv zu werden und einzelne Themenschwerpunkte genauer zu erkunden.

 

Alles in allem ist die Ausstellung eine spannende Zeitreise, liebevoll und detailreich gestaltet. Eine Freude sicherlich für jeden, der sich für unsere Natur interessiert und auch ein wertvoller Beitrag zurVersachlichung der auf internationalem und nationalem politischen Parkett doch sehr unswissenschaftlichen, aber auch generell unsachlich geführten Debatte zur globalen Erwärmung.